Wie ich zum Kaffeesatzlesen kam.

Meine Familie kommt ursprünglich aus Palästina. Meine Mutter Naziha wurde in einem Ort namens Zababdeh im Norden der Westbank geboren.
Sie hatte acht Geschwister. Die Lebensumstände waren ärmlich und die Kinder mussten früh mithelfen, den Lebensunterhalt zu verdienen. Daher konnte Naziha die Dorfschule nur bis zur 6. Klasse besuchen und wuchs als eine der vielen Analphabeten des Landes auf.
Sehr bald aber wurde deutlich, dass sie eine besondere Begabung für das Kaffeesatzlesen besaß. Ihre Mutter Farha tat alles, um die Gabe ihrer Tochter zu fördern. Noch heute gibt es in Zababdeh eine starke Tradition des Kaffeesatzlesens, die nicht zuletzt wegen der Künste meiner Mutter auch der Islamisierung der letzten Jahrzehnte standgehalten hat.
Aus wirtschaftlichen Gründen wanderte meine Familie in den 70er Jahren nach Deutschland aus und siedelte sich in München an. Dort wurde ich am 2. Dezember 1970 geboren. Ich war das Nesthäkchen, der Jüngste unter zwei Schwestern und einem Bruder. Meine Geschwister nahmen „den Kleinen“ nicht wirklich für voll, also bemühte ich mich, Dinge zu finden, die ich besser konnte als sie. Auch war ich oft zuhause bei meiner Mutter und ihren zahlreichen Freundinnen, hörte deren Gesprächen aufmerksam zu und entwickelte so früh ein Interesse an typisch weiblichen Dingen, wie zum Beispiel dem Handlesen.
Schon bald wusste ich genau wie ich es schaffen konnte, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Alle waren von der Präzision meiner Vorhersagen überrascht - am meisten ich selbst! Mein Ehrgeiz war geweckt und ich wollte nun auch das Kaffeesatzlesen für mich entdecken.
Zwar durfte ich als Kind noch keinen Kaffee trinken, aber ich fiel allen 13 Erwachsenen so lange auf die Nerven, bis sie mir ihre Tassen zum Lesen des Kaffeesatzes zur Verfügung stellten. Meine Mutter bewies echt mütterliche Geduld mit meinen unendlich vielen Fragen, obwohl sie meinen Wissensdurst zu Beginn wohl nicht ganz ernst nahm, schließlich war Kaffeesatzlesen seit jeher „Frauensache“ . Mit der Zeit erkannte sie aber, dass es ihrem Sohn Ernst war und entschloss sich, meine Neigung zu unterstützen, wie schon ihre Mutter die ihre unterstützt hatte. Dafür bin ich ihr noch heute sehr dankbar und es macht mich stolz, dass ich es bin, der die Tradition des Kaffeesatzlesens in der sechsten Generation unserer Familie fortführen kann!